Anekdote

„Schnell noch Linux durchbauen“

Die neue Produktversion ist fertig. Hurra! Viele Monate intensiven Entwickelns und Testens gehen erfolgreich zu ende. Die Windows Version in 64 Bit ist verfügbar. „Jetzt nur noch schnell auf Linux durchbauen und mal kurz antesten.“, so lautet die kurze Ansage des Product Owners. WTF? Klar arbeiten einige Entwickler mit Linux und entwickeln darauf auch. Das Durchbauen müsste also tatsächlich schnell oder gar mit Null Aufwand möglich sein, aber unter welcher Distribution wollen wir unser Produkt denn anbieten? Was ist der Standard Windowmanager, für den unsere Benutzeroberfläche passend sein soll? 64 Bit oder eventuell auch 32 Bit? Ja, ein paar Fragen wären da durchaus noch zu beantworten. Generell ist der Weg von „unsere Software baut auf einem Betriebssystem“ bis zu „unser fertiges Produkt wird auch auf Ubuntu 16.04 angeboten“ leider ein weiterer Weg, als die meisten denken. Und die Fragen sind nicht banal und leicht zu beantworten. Ein Softwareprodukt besteht aus der Software selbst, einem Installationsprogramm, Dokumentation, eventuell Testdaten, vielleicht noch einem Benutzerforum im Internet usw. usw. usw. Auch der Bedarf an Resourcen, die zum Testen der Software auf einem bisher noch nicht unterstützten Betriebssystem notwendig sind, ist immens. Gerade dem Produktmanagement und damit dem Product Owner, muss das völlig klar sein. Die Gefahr eines Release-GAU ist riesig: „Warum haben wir das immer noch nicht auf dem Markt? Ihr solltet es doch nur noch kurz mal durchtesten!?“ Unterschätzte Aufwände sind ein steter Quell von Frust, Demotivation und schließlich auch Konfrontation. Eine bereits existierende Software „mal schnell noch auf einem anderen Betriebssystem anbieten“ ist ein Widerspruch in sich. Das Abenteuer sollte reichlich gut überlegt sein und es sollte sehr vertrauenswürdige Marktdaten geben, die das Anbieten tatsächlich monetär sinnvoll erscheinen lassen.

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