Anekdote

„Tatort Technik“: Ich habe neue super Boxen

Gute Musikanlagen, aber nicht zu teuer, das ist mein Hobby. Nicht zu teuer bedeutet dabei, dass der Verstärker schon 300 EUR kosten darf. Ein Pärchen Lautsprecherboxen auch mal 600 EUR. Aber dann ist Schluss. Auch für 250 EUR das Paar gibt es schon herrliche Regalboxen. Ja, Mädels, die können auch gut aussehen! Gerne sinniere ich auch mit Freunden über dieses Hobby: Hi-Fi hier, Heimkino und Surround Sound dort, lecker. Leider stecke ich dabei viele Bekannte und Freunde damit an und werde falsch verstanden. Nein, nicht immer den teuersten Schnick-Schnack. Bitte. Und schon gar nicht die elementaren Regeln verletzen. Doch es passiert. Immer wieder. Und so kommt es dann immer mal wieder zu einem Telefonat wie neulich:

„Wolfgang, Simone ist gerade nicht da. Komm´ mal schnell vorbei. Ich habe die geilen neuen Boxen von Canton gekauft. Ein echtes Schnäppchen. Die musst du dir anhören. Der Hammer. Viel besser als meine alten. Beeil dich, dann können wir kurz die Bestie von der Leine lassen“.

16,5 Sekunden später sitze ich im Auto und fahre ganz gemütlich und geduldig zu meinem Bekannten. Ist klar. Auf jeden Fall bin ich ziemlich schnell dort und, oh nein. Die Boxen sehen cool aus. Geschenkt. Aber wo stehen die denn?

„Thomas, warum hast du sie denn nicht an die Stellen gestellt, wo vorher deine Alten standen. Die Plätze hatten wir doch extra ausfindig gemacht. Wegen des guten Klangs und so?“

„Ach weißt du, ich dachte die sehen da wo sie jetzt sind viel besser aus. Gefallen sie dir nicht???!!“

Doch, die sehen klasse aus, denke ich mir. Aber die können nicht gut klingen. Nicht dort wo sie jetzt stehen. Raus aus den Ecken! Sonst wird der Bass nur unkontrolliert wummern und das nicht mal überall im Raum.

„Ich habe mir auch gleich noch neue Lautsprecherkabel mit einem größeren Querschnitt gegönnt“.

Oh je, alles vergessen. Mit der „War Zone“ Vorführung wird das jetzt wohl nix mehr.

„Es ist ganz wichtig, dass Boxen von Seitenwänden ausreichend entfernt sind. Sonst gibt es von da Reflexionen, die das Signal der Boxen sofort überlagern und so den Klang schnell negativ beeinflussen. Deshalb hatten wir deine bisherigen Boxen weiter in die Mitte gerückt. Und gerne auch mit etwas Abstand zur Rückwand. Deshalb gerade ja auch vor deine Bücherregale. Die dämpfen Reflexionen hinter der Box. Und Kabel mit größerem Querschnitt brauchst du nicht, die Boxen sind so nah am Verstärker und die Kabel deshalb so kurz, dass der Widerstand ganz sicher keine Rolle spielt“.

Mir wird klar, ich habe alles kaputt gemacht. Wie immer, wenn ich mich in Rage rede. Schnell ein Rettungsversuch:

„Komm´ ich helfe dir schnell die Boxen weiter zur Mitte hin zu schieben und dann können wir es krachen lassen …“.

Es dauert eine Weile, bis ich wieder ein geschätzter „Hi-Fi Freund“ bin. Zum Glück lassen wir die Neuerwerbungen erstmal am neuen Ort. Und ich kann ganz behutsam auf die deutlich hörbaren Probleme im Sound hinweisen. Das ist echt wie eine Weinprobe: Wenn man noch nicht viel Weine probiert hat und diese auch nie im direkten Vergleich geschmeckt hat und von niemandem darauf aufmerksam gemacht worden ist, erkennt man gar nicht die Unterschiede. Die dann allerdings, nach dem Ausprobieren, deutlich bemerkbar sind. Nach dem Umstellen dann deshalb auch die Offenbarung:

„Du hast recht. Jetzt klingt der Bass irgendwie viel präziser und knackiger und das auch überall im Raum fast gleich gut“.

„Und das, obwohl ich heimlich, als du auf der Toilette warst, die neuen Kabel wieder entfernt und gegen die alten ausgetauscht habe …“

Ich bin echt fies. Das macht meinen Charme aus. Nun lassen wir die Neuen aber mal richtig von der Leine. Das Schlagzeug hämmert. Ein geiler Basslauf. Die E-Gitarren zwitschern. War Zone! Da ist sie. Wir beide haben Spaß wie die kleinen Kinder. Ja, die Neuen gehen gut. Genau wie die Alten übrigens. Aber das sage ich nicht. Und jetzt noch das Musikstück und dann dieses und dann das und Juhu, das Leben ist schön.

„Die Boxen lasse ich auf jeden Fall da stehen wo sie jetzt sind, obwohl Simone sie da auf keinen Fall mehr habe möchte. Die klingen so viel besser. Da muss sie durch“.

Dies bekomme ich zugebrüllt während gerade der “Beziehungs-Revoluzer-Song” schlechthin, von Queensryche, ins Zimmer hämmert: „I don´t believe in love“. Zumindest zunächst. Plötzlich steht Simone in der Wohnzimmertür und es herrscht nervenaufreibende Stille. Erstens wegen der erloschenen Musik dank der rausgemachten Sicherung und zweitens wegen des Blickes, der nun meinen Freund trifft, und der sofort beginnt die sichere Gewissheit der Standhaftigkeit bezüglich des Aufstellungsortes der Boxen zu zerbröseln. Also zunächst die Gewissheit und dann die Standhaftigkeit. Oh, schon eine Sekunde rum und bereits beginnt die „ich-will-die-dieses-Wochenende-kein-Sex-Strafe-nicht“-Einlenkung:

„Hallo Schatz, Wolfgang wollte unbedingt meine neuen Boxen Probe hören und da konnte ich nicht nein sagen“.

Ich sag´ nur „grunz, grunz“, du feiges….

„Er wollte auch, dass wir sie an den alten Platz stellen. Dort klingen sie tatsächlich ein klein wenig anders, aber nur ein bisschen“.

Tja mein Freund, so wird das nie was. Beziehung ist Krieg! Nie nachgeben. Auch scheinbar unwichtige Claims verteidigen bis aufs Blut. Nur so behält man Verhandlungsmasse. Nur im Tausch gegen etwas Anderes davon abrücken. Aber hier ist leider bereits „im Westen nichts Neues“. Der Mr. hat leider nicht mein „einfaches Handbuch der Diplomatie in einer Beziehung“ gelesen und nun bekommt er die Rechnung. Nein, eigentlich gleich die Quittung. Der Rechnungsbetrag wurde bereits seinem Soll schlecht geschrieben.

„Also ich gehe nun mit Sabine shoppen. Du kannst dieses Chaos hier bitte wieder so aufräumen, wie es vorher war. Wenn ich zurückkomme kannst du mir ja dann zur Versöhnung einen Aperol Spritz machen“.

Ja, einen „Spritz“ machen will er bestimmt.

„Klar, mach´ ich gerne!“

Lügner, Landesverräter, Weichei, Feigling, notgeiler Bastard wahrscheinlich am ehesten. Opfert sein Hobby für Sex oder so etwas Ähnliches. Ich kenne doch Simone. Also nicht so wie ihr denkt, aber wenn ich sie mir so ansehe …

Schmerz. Am Hals. Autsch. Ah, hallo Schatz. Nein, ich schreibe hier nicht über DIE Simone. Nein, das würde ich nie wagen. Aua! „Nur noch einen Satz, bitte! Ich tippe auch schnell!“. Also, kauft euch keine neuen Boxen und erst recht keine anderen Kabel. Einfach mal ein paar Aufstellungstipps ausprobieren. Boxen weg von den Seitenwänden. Lieber näher zusammenrücken. Einfach mal mit einem kleinen Stereodreieck experimentieren, ihr wisst, was das ist!?!? Dies bringt für den Klang weitaus mehr, als hunderte von Euros für andere Geräte. Vertraut mir. Und eurer Freundin erzählt ihr einfach: „Entweder ich gebe Geld aus, oder ich räume die Boxen ein klein wenig um.“ Damit müsstet ihr sie überzeugen können. Nicht aufgeben!

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