Agile Minds

„Dr. Agile“ oder was?

„Agil bis der Arzt kommt“, „Die Götter in Weiß“, „Was macht der Scrum Master, wenn er kein Meeting hat“, „Das Management ist nicht agil“, usw. Dies sind nur ein paar der Phrasen, die man wieder und wieder hört. Manche sind aus der Medizin, manche hört man bei jedem Treffen agiler Experten. Doch was haben sie gemeinsam und welche sind gegensätzlich? Geht es mir um zu viel Agilität? Oder um zu wenig? Ist es ein Hoch auf die „Scrummasterei“ und ein Hohn auf die altmodischen Führungseliten? Oder gerade das Gegenteil. Die Antwort ist: Es geht mir um Extrempositionen, mangelnde Empathie und Selbstgerechtigkeit. Sie sind mir zuwider. Und so wie sich manche Mediziner als die „Götter in Weiß“ darstellen, so machen dies auch analog einige meiner agilen Kollegen: „Agile Götter“.

Auslöser für diese Gedanken war ein Scrum Event der Scrum User Group Karlsruhe, bei der ich mich als Scrum Master tummelte und mir einige Kommentare von agilen Kollegen mal wieder sehr befremdlich vorkamen: Selbstgerecht und allwissend inszenierten sich hier sog. Agile Experten. Sie verhöhnten die vermeintlich Unwissenden, die Scrum Master scheinbar nicht wertschätzen, nur weil sie eben jene im Arbeitsalltag nach ihren Aufgaben und Aktivitäten gefragt hatten. Als die „Agilen Götter in Weiß“ stellten sie sich gegenseitig lobend dar, die den Dummen und Unwissenden einfach mal nur die nötige Dosis Agilität injizieren müssten, um die Krankheit zu heilen. Was für eine Arroganz!

Auf der anderen Seite oft auch die leider nicht viel weniger arroganten Führungskräfte, die denken, dass Agilität so ein „Entwicklerdings“ sei und sie nichts angeht. Gerne auch abfällig als Kindergartenpädagogik vermeintlich herabklassifiziert. Doch gerade daran zeigt sich der Denkfehler der selbsternannten agilen Ärzte: Ist es nicht gerade unsere Aufgabe als Scrum Master oder Agile Coach diese Führungskräfte zu informieren und zu coachen und sie als Führungskräfte 3.0 von den Vorteilen der Agilität zu überzeugen? Ja, natürlich, ist die Antwort auf die eigentlich rhetorischen Fragen. Wer, wenn nicht wir, weiß, dass Agil zu sein ein Mindset, eine Einstellung ist. Wer, wenn nicht wir, weiß, dass Agilität nur der Weg, aber nicht das Ziel ist. Natürlich müssen wir undogmatisch gerade die „Führungsetage“ mit ins Boot holen. Wir müssen sie von den Vorteilen überzeugen, die ein Wirken als Unterstützer, Mentor und Coach mit sich bringt und wie überlegen diese Herangehensweise im Vergleich zu dem althergebrachten Verhalten ist, als Entscheider, Arbeitszuweiser und Kontrolleur zu agieren. Dazu hier und hier ein paar anregende Gedanken und Inspirationen.

Die Transformation hin zu einem agilen Unternehmen, ist ein langer, steiniger Weg, der gerade eben mit agilen Werten wie Respekt und Offenheit gegangen werden muss. Es gibt hier kein Platz für Arroganz und Dogmatismus. Vielmehr ist Empathie, Pragmatismus und Weitsicht gefragt. Gepaart mit der oft vergessenen Rittertugend der Milde und dazu noch viel Geduld. Bei Pragmatismus meine ich natürlich auf keinen Fall die Abkehr oder Aufweichung von agilen Ritualen und Werten, sondern Pragmatismus in der Umsetzung eben jener. Und genau an dieser Stelle befindet sich ein Scrum Master in seiner Reifung, wenn er sich fragt, wie denn ein Servant Leader für sein Team aussieht und was damit gemeint ist, als Facilitator sein Team und die Organisation weiterzuentwickeln. Genau an dieser Stelle trennt sich die Spreu vom Weizen: Auf der einen Seite die Herunterbeter des auswendig gelernten Vokabulars auf dem Weg zum Mediziner und auf der anderen Seite die, die kapiert haben, dass es das alleine nicht sein kann. Habt ein „Agile Mind“, aber seid kein Priester. Macht euch auf den Weg und lernt weiter.

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