Agile Minds

Der Ofen ist mittlerweile breit genug

Eine kleine Anekdote kam mir unter, die sich um ein Kochrezept dreht: In einer Familie gab es ein altes Rezept für die Zubereitung eines Fisches. Es wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Die jüngsten Sprösslinge sahen zu und halfen mit und erlernten es so ebenfalls. Ein Teil des Rezeptes war, dem Fisch den Kopf und den Schwanz zu entfernen. Niemand wusste, warum das so sein musste, aber es war stets als wichtiges Element der Rezeptur weitererzählt worden. Irgendwann forschte ein Familienmitglied nach und fand heraus, dass früher die Backöfen viel schmaler waren und deshalb der Fisch meist einfach nicht in den Ofen passte! Das war der einzige Grund.

Wenn wir etwas machen, sollten wir vor allem wissen, warum wir es so machen. Die Frage nach dem Grund ist legitim und nötig. Sie ist weder unangebracht noch respektlos.

Dies sah man früher beim Militär nicht so: Ein Befehl ist ein Befehl und darf nicht in Frage gestellt werden. Er muss sofort und bedingungslos ausgeführt werden. Warum war dies beim Militär so? Im 17. Jahrhundert begannen die ersten Staaten ein festes Heer, ein sogenanntes „stehendes Heer“, aufzubauen. Also eine Präsenzarmee, die nie aufgelöst wurde. Damit dies möglich war, wurde nicht groß ausgewählt, sondern man nahm jeden, den man bekommen konnte. Also insbesondere Personen, denen man im Allgemeinen nicht zutraute, selbst Entscheidungen zu treffen und die komplexen geordneten militärischen Abläufe zu verstehen. Es war die Zeit der sog. Linientaktik (auch Lineartaktik genannt), als die Männer der Infanterie in der Breite nebeneinander aufgestellt waren und möglichst schnell ihre Vorderlader nachladen mussten, um dann zeitgleich wieder feuern zu können. Marschieren im Gleichschritt gehörte ebenso dazu, wie das präzise Drehen oder Schwenken der verschiedenen Abteilungen von Fußsoldaten. Um all dies zu ermöglichen, waren ein enormer Drill und eine hohe Disziplin unabdingbar. Das geringste Anzweifeln von Befehlen wurde hart bestraft, um schlicht ein Aufbegehren gegen das harte Exerzieren schon im Keim zu ersticken. Ebenso eingedämmt wurde dadurch das Desertieren, das bis dahin leider häufig vorkam und die Existenz eines stehenden Heeres bedrohen konnte. Last, but not least, kann ein schnelles Befolgen von Befehlen in einem Gefecht, ohne Fragen zu stellen und ohne Zögern, lebensrettend sein.

Für das Militär war diese Herangehensweise also bestimmt sinnvoll. Doch selbst dort beginnt man, nicht mehr in Kategorien wie militärische Ordnung, Kommandokette und blindem Gehorsam zu denken. Gerade auch eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt, die US Armee, sah sich spätestens seit ihrem Kampf gegen Al-Kaida und IS im Irak, zum Umdenken gezwungen. Siehe dazu das durchaus inspirierende Buch „Team of Teams: New Rules of Engagement for a Complex World“ von General Stanley McChrystal:

Speed and interdependence had rendered our environment in Iraq incompatible with the vertical and horizontal stratification that had maintained military order for centuries. The distance that carefully regulated information had to travel, and the wickets through which decisions had to pass, made even the most efficient manifestation of our system unacceptably slow. The chains of command that once guaranteed reliability, now constrained our pace; the departmental dividers and security clearances that had kept our data safe, now inhibited the exchanges we needed to fight an agile enemy; the competitive internal culture that used to keep us vigilant, now made us dysfunctional; the rules and limitations that once prevented accidents now prevented creativity.

Wenn die Organisation, die ursprünglich aus gutem Grund die Idee von Befehl und Gehorsam entwickelt und eingeführt hat, zu dem Schluss kommt, dass es komplexe Umgebungen gibt, und dort diese Vorgehensweise nicht funktioniert, wie können dann Unternehmen, blind und ohne nachzufragen, an solch überholten Mechanismen festhalten? Warum ist die Vorstellung, dass es einen Denker und Lenker gibt, der einem Rudel unselbständiger Untergebener ihr Handeln vorgibt, immer noch so populär? Worin liegen die vermeintlichen Vorteile, die alle zu kennen scheinen, die diese Herangehensweise hat?

Wie haben es die alten Preußenkönige nur geschafft, ihre Idee so nachhaltig in die Köpfe einzupflanzen, dass sie anscheinend unausrottbar ist? Als Scrum Master wüsste man dies schon gerne, um nun einen anderen Keim einzupflanzen … der Ofen ist mittlerweile schließlich breit genug!

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