„Dr. Agile“ oder was? – Reloaded

Wie in vielen Berufsgruppen üblich, treffen sich auch Agile Experten zu Workshops, Weiterbildungen oder einfach auf einen Erfahrungsaustausch. In den Pausen beginnt der Smalltalk oft mit Anekdoten aus dem Alltag, und dabei höre ich immer wieder Phrasen wie „Das Management ist nicht agil“, „der PO war nicht bei der Retro“ und ähnliches. Auch wird darüber gewitzelt, dass man als Scrum Master nicht ernst genommen wird und dies führt man darauf zurück, dass man Fragen wie „was macht ein Scrum Master eigentlich, wenn er kein Meeting hat?“ gestellt bekommt. Natürlich klingt in der Frage auch eine gewisse Boshaftigkeit an, aber man könnte daraus natürlich auch ableiten, dass man vielleicht die Rollen und Aufgaben nie sorgfältig kommuniziert hat.

Die „Agilen Götter in Weiß“ stellen sich aber lieber gegenseitig lobend als die allwissenden dar, die den Dummen und Unwissenden einfach mal nur die nötige Dosis Agilität injizieren müssten, um die Krankheit zu heilen. Was für eine Arroganz! Ja, arrogant und selbstgerecht kommen mir oft sogenannte Agile Experten vor: 2 Tage Scrum Master Einsteigerlehrgang und schon erklärt man dem Management, wie es seinen Job machen muss. Das ist so überheblich, dass ich mich Frage, ob ihnen nie in den Sinn kommt, dass da irgendetwas nicht ganz stimmen kann. Aber auch bereits etwas erfahrenere Agile Coaches tappen gerne in die Falle, blind und nach Lehrbuch Rituale aus Scrum oder Kanban zu implementieren, ohne Mitarbeiter oder Führung ernsthaft mitzunehmen. Agil bis der Arzt kommt, der dann die falsch angegangene Transformation wieder kurieren muss.

Auf der anderen Seite gibt es leider oft auch nicht viel weniger arrogante Führungskräfte, die denken, dass Agilität so ein „Entwicklerdings“ sei und sie nichts angeht. Gerne auch abfällig als Kindergartenpädagogik vermeintlich herabklassifiziert. Genau hier nun, beginnt das anstrengende aber umso wichtigere Coaching und nicht bei der Einführung von Sprint Planning, Sprint Review und Sprint Retro. Ist es nicht gerade unsere Aufgabe als Scrum Master oder Agile Coach diese Führungskräfte zu informieren und zu coachen und sie als Führungskräfte 3.0 von den Vorteilen der Agilität zu überzeugen? Ja, natürlich, ist die Antwort auf die eigentlich rhetorischen Fragen.

Wer, wenn nicht wir, weiß, dass Agil zu sein ein Mindset, eine Einstellung ist. Wer, wenn nicht wir, weiß, dass Agilität nur der Weg, aber nicht das Ziel ist. Natürlich müssen wir undogmatisch gerade die „Führungsetage“ mit ins Boot holen. Wir müssen sie von den Vorteilen überzeugen, die ein Wirken als Unterstützer, Mentor und Coach mit sich bringt und wie überlegen diese Herangehensweise im Vergleich zu dem althergebrachten Verhalten ist, als Entscheider, Arbeitszuweiser und Kontrolleur zu agieren. Dazu hier und hier ein paar anregende Gedanken und Inspirationen.

Die Transformation hin zu einem agilen Unternehmen, ist ein langer, steiniger Weg, der gerade eben mit agilen Werten wie Respekt und Offenheit gegangen werden muss. Es gibt hier kein Platz für Arroganz und Dogmatismus. Vielmehr ist Empathie, Pragmatismus und Weitsicht gefragt. Gepaart mit der oft vergessenen Rittertugend der Milde und dazu noch viel Geduld. Bei Pragmatismus meine ich auf keinen Fall die Abkehr oder Aufweichung von agilen Ritualen und Werten, sondern Pragmatismus in der Umsetzung eben jener. Und genau an dieser Stelle befindet sich ein Scrum Master in seiner Reifung, wenn er sich fragt, wie denn ein Servant Leader für sein Team aussieht und was damit gemeint ist, als Facilitator sein Team und die Organisation weiterzuentwickeln. Genau an dieser Stelle trennt sich die Spreu vom Weizen: Auf der einen Seite die Herunterbeter des auswendig gelernten Vokabulars auf dem Weg zum Mediziner und auf der anderen Seite die, die kapiert haben, dass es das alleine nicht sein kann. Habt ein „Agile Mind“, aber seid keine Priester. Macht euch auf den Weg und lernt weiter.